Nicht nur Kleider machen Leute

Während es mir bei so manchem Fest in Deutschland wirklich schon leid tat, es missen zu müssen, kann ich ganz gut damit leben, dieses Jahr die… wunderbaren Karnevalslieder nicht hoch und runter hören zu müssen! Hier in Ghana habe ich nämlich in en letzten Tagen keine jecken Aktivitäten beobachten können. Die gab es in Form von so manchen schrillen Aufzügen und Gruppen junger Leute, die durch die Straßen liefen, höchstens „zwischen den Jahren“.
Doch im WEM haben sich die Kinder vergangene Woche in Schale geschmissen:

„Was möchtest du einmal werden?“
Diese Frage beschäftigt nicht nur Sabrina, Merit und mich bei den Vorbereitungen unserer Zeit nach dem FSJ. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich diese Frage in meiner Kindheit beantworten sollte und keine Antwort wusste. Hier ist sie mir nun auch wieder im Alltag begegnet – doch dieses Mal durfte ich sie stellen!

Am vergangenen Freitag, hatten die Kinder in der Schule nämlich einen Schultag der besonderen Art: jeder sollte anstelle seiner Schuluniform die Kleider tragen, die man in seinem Traumberuf auch tragen könnte und anstatt von Unterricht durften sich die Kinder selbst beschäftigen und spielen. In Deutschland würde man an einem solchen Tag vermutlich einige Feuerwehrleute, Polizisten und natürlich Prinzessinnen finden.
Hier in Ayikuma sah das Bild ein wenig anders aus: Bei den Jungs gab es natürlich ganz viele Fußballspieler – ist ja auch klar, wenn man schon immer mit allem möglichen und zu allen Gelegenheiten Fußball gespielt hat! Doch es gab auch ein paar ausgefallenere Wünsche:
wir hatten einen Handwerker, einen Farmer und einen Tänzer. Die Mädels waren zum Teil wirklich schick, denn bei ihnen gab es einige „Business-Women“ (wieder ein Wort, das auf Englisch viel aufregender klingt, als im deutschen). Auch Mabel mit dem Maßband einer Schneiderin und Sarah, die singend das Haus verlassen hat, um zu unterstreichen, dass sie Sängerin werden könnte, hatten ihren Spaß. Diese bunte Runde war eine schöne Abwechslung zu dem üblichen gelben Gewusel am Essenstisch!

„sewer“ Mabel

 

Schon in dem Wunsch Mabels zeigen sich einige Unterschiede zwischen Ghana und Deutschland: da hier viele Leute Kleider aus den traditionellen Stoffen tragen, die nach Maß geschneidert werden, gibt es unglaublich viele Schneidereien. In Deutschland ist vielleicht eine Änderungsschneiderei noch bekannt, doch ich kenne nur wenige Kinder, die daraus den Wunsch ableiten könnten, selbst Schneiderin zu werden.

 

Ein weiterer Berufswunsch weist jedoch auf einen Unterschied hin, mit dem nicht nur wir vier, sondern auch viele andere Freiwillige in Ghana (wie wir unter anderem während des Zwischenseminars erfahren haben) zu kämfen haben.
Drei Kinder gingen am Freitag als Lehrer zur Schule. Das bedeutete einerseits, dass sie ihre Sonntagskleider gewaschen und gebügelt haben. Doch das war fast schon nebensächlich. Als einer der Erzieher die Kinder nämlich nach ihren Wünschen fragte und die Antwort „Lehrer“ bekam, war seine selbstverständliche Antwort und erste ungerührte Reaktion nur: „OK, we will give you cane.“ Ein cane, das ist ein etwa stiftdicker Stab, mit dem die Kinder unter anderem in der Schule geschlagen werden, wenn sie sich nicht benehmen.

Dass die Kinder geschlagen werden gilt in den meisten Teilen Ghanas immer noch als gute und notwendige Erziehungsmethode. Obwohl es von der Regierung eigentlich verboten wurde, die Kinder damit zu schlagen (und Ghana auch die UN-Kinderrechts-Konvention unterzeichnet hat), nutzen viele Eltern den cane im eigenen Haus und fordern auch die Lehrer in den Schulen weiterhin dazu auf. Das Bild des Lehrers als wichtige Bezugsperson der Kinder ist also, wie die Reaktion unseres Erziehers beweist, nach wie vor eines mit cane.
Unsere Schulkinder haben schon häufig darüber geklagt, dass sie in der Schule geschlagen werden. Zum Teil haben sie von den Schlägen auch schon blutende Wunden davon getragen und Narben zurück behalten. Doch wenn man sie fragt, können sie sich meistens gar keine andere Maßnahme vorstellen. Auch die Freiwilligen, die wir beim Seminar getroffen haben und die teilweise in Schulen arbeiten, erzählten uns viel von den Schlägen und auch wie sehr sie selbst darunter leiden, nichts tun zu können, da es kulturelle Hintergründe hat und die Autorität des Lehrers untergraben würde.
Doch auch das ist im Wandel. Es gibt immer mehr Eltern, die Lehrer der Schläge wegen vor Gericht gebracht haben und (natürlich) gewonnen haben. Manche Eltern haben sich auch im eigenen Haushalt schon von dieser Erziehungsmethode  verabschiedet und in Nicht-Regierungs-Organisation wie ROHC ist es ohnehin verboten. Wir haben während des Seminars mit einer Ghanaerin gesprochen, die sagte, manche Menschen könnten den Blick einfach kaum von den alten Traditionen lösen.
Auch in der deutschen Geschichte bzw. erzieherischen Tradition muss man gar nicht so weit zurückgehen, um diese Erziehungsmethode legitimiert zu finden. Und bevor man auf den Gedanken kommt, Deutschland als fortschrittlich und weiter entwickelt zu preisen, sollte man sich nochmals die viele Missbrauchsvorwürfe der letzten Jahre ins Gedächtnis rufen. Derartige Gewalttaten sind mir hier in Ghana noch nicht zu Gehör gekommen und auch das Selbstverständnis der Erzieher im Umgang mit dem anderen Geschlecht ist ein ganz anderes.

Auf die Kinder hier bzw. unsere kurzzeitigen Lehrer übt der cane jedenfalls nach wie vor eine Faszination aus, die für mich nicht nachzuvollziehen und nur schwer mit anzusehen ist. Doch um der Kinder willen, setze ich auf den Umschwung hin zu weniger körperlichen Erziehungsmethoden!


–  „Lehrerin“ mit einem cane
und noch ein Fußballer

Hoffentlich habt Ihr Euch von dieser weniger schönen Episode über die ghanaische Kultur nicht abschrecken lassen. Es ist nun einmal ein ganz anderes Land, ja ein ganz anderer Kontinent mit ganz anderen Traditionen und historischen Erfahrungswerten.