Health first

Ich wünschte wirklich, dass ich dieser Tage wieder von den Kindern oder allgemein von Geschehnissen aus dem Projekt und Ghana berichten könnte. Anlass bestünde zweifelsohne: die Kinder entwickeln sich, lernen dazu und bekommen doch immer wieder dieselben Ermahnungen; vor Kurzem machten die FCP-Kinder einen Ausflug in einen Naturpark in der Nähe; und alle Ghanaer feierten diese Woche, dass ihre Unabhängigkeit nun schon 60 Jahre andauert.

Doch zu all dem kann ich leider nicht viel sagen, ich habe nämlich die letzten Wochen erneut mit einer Krankschreibung im Volu-Hau verbracht. Verzeiht mir daher bitte, dass mich meine Gedanken in diesem Beitrag in eine andere Richtung führen.

In Deutschland bin ich natürlich auch hin und wieder mit dem Gesundheitssystem, den „deutschen Methoden“ und Krankheiten in Berührung gekommen. Ob ich meiner Schwester beim Lernen „Zuhören“ durfte, in der DLRG Erste-Hilfe-technisch gebildet wurde oder selbst krank war – ich gewöhnte mich an die Denkmuster und Vorgänge und habe die daraus entstandene Erwartungshaltung natürlich auch mit nach Ghana genommen.

Als ich dann in September hier erstmals zum Arzt geschickt wurde, fielen mir schnell einige Unterschiede auf. Der erste liegt auf der Hand: da unsere Auslands-Krankenversicherung uns die Kosten im Nachhinein erstattet, erfahre ich hier erstmals, was man so für Arztbesuche bezahlt, wenn man nicht (wie ich in Deutschland und der Großteil der Ghanaer hier) eine Versichertenkarte vorzeigen kann. (Die Krankenversicherung ist übrigens ein Punkt, auf den bei ROHC besonders geachtet wird und der Grund dafür, warum die Erzieher oftmals den Eltern hinterherrennen und an die Verlängerung derselben erinnern müssen!)
Ein weiterer Unterschied ist ebenfalls nicht weiter verwunderlich: bei meinem Blutbild wurde automatisch auch getestet, ob ich Malaria habe, da die Mücken hier sehr verbreitet sind. Allgemein wird Malaria hier so routiniert gehandhabt wie eine normale Grippe bei uns und ist lange kein Grund zur Aufregung – die einzigen, die sich aufregen, sind die Verwandten in Deutschland, da die Krankheit bei uns so verteufelt wird.
Außerdem hatte ich das Gefühl, dass mehr auf die Laborergebnisse als auf eine genaue Untersuchung des Patienten gesetzt wurde, was an der schlichten Masse der zu behandelnden Personen in der Praxis, wo ich war, liegen könnte. Einige grundlegende Untersuchungen wurden natürlich gemacht – sonst hätte ich ja schließlich den Spaß ob der Auswirkungen meiner Blutdruckwerte auf das medizinische Personal missen müssen! 😉

Ein weiterer Punkt wurde mir erst vor kurzem bewusst: dieses Mal habe ich die deutsche Botschaftsärztin aufgesucht und als Merit und ich die Räume betraten, sagten wir nur wie aus einem Munde: „Boah, et riecht nach ner deutschen Praxis!“ Das ist an und für sich natürlich Quatsch – es roch schlicht und ergreifend nach Reinigungs- und Desinfektionsmitteln, doch in den Praxen, in denen ich im Vorfeld hier gewesen bin, war der Geruch nicht so hervorstechend. Besonders in dem Krankenhaus, in dem ich zum Jahreswechsel untergebracht war, herrschte eine andere Geruchskulisse! Natürlich wurde auch dort geputzt und das Personal arbeitete mit Handschuhen und Desinfektionsmitteln, doch da ich die Nacht in einem Saal in der Notaufnahme mit 17 anderen Patienten verbrachte, konnten sich diese Gerüche leider nicht durchsetzen. An diesem Tag war ich einfach zu kurzfristig gekommen und stand als „Notfall“ unter zu genauer Beobachtung, als dass ich in einem anderen Raum (mit weniger Menschen) untergebracht worden wäre (denn solche gibt es dort natürlich auch).
Wenn ich nicht zu froh wäre, diesen Aufenthalt in der Notaufnahme als meinen ersten bezeichnen zu können, würde ich ihn gerne mit einem in Deutschland vergleichen!

Ein letzter Punkt, der uns hier immer wieder auffällt, sind ganz andere Ansätze in der Ersten Hilfe. Grundsätzlich scheinen zumindest die ghanaischen Mitarbeiter, die ich bei ROHC erlebe, nicht sehr oft zum Arzt zu gehen. Sie arbeiten noch sehr lange sehr hart, weswegen ich hier im Volu-Haus oft ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich krankgeschrieben werde und zu Hause bleibe. Sie nutzen in solchen Zeiten oftmals lieber „natürliche“ Medizin, als Mittel aus der Apotheke. Dass diese oftmals gut wirken, macht das Ganze aus naturwissenschaftlicher Sicht natürlich nur interessanter. Auch in Fällen, in denen sie das genaue Gegenteil von dem tuen, was mir in den Sinn käme (beispielsweise zu wärmen anstatt zu kühlen) und es ihnen danach besser zu gehen scheint, frage ich mich, wie stark der Einfluss der Psyche bzw. der Erwartungshaltung auf den Heilungsprozess sein kann – und das natürlich in beiden Ländern.
Wie gesagt, ich bin interessenstechnisch wohl schon „vorgeschädigt“ und suche nach wie vor nach anderen FSJ-lern im Ausland, die eine Naturwissenschaft und nicht irgendetwas Soziales oder Entwicklungspolitisches studieren wollen…

 

In diesem Sinne, liebe Grüße aus dem Volu-Haus – wer immer den Ausdruck „krank feiern“ erfunden hat, sei mit meinem irritierten Blick gestraft!